Die Stadt der Toten im Herzen des Molochs

Das andere Kairo abseits von Geschäft und Tourismus

Von Karin Leukefeld, Kairo *

Wie viele Menschen leben in der Hauptstadt Ägyptens? Unvorstellbare 20 Millionen sollen es sein. Kairo ist ein brüllender Moloch mit wenigen Orten der Stille, der nie zu schlafen scheint und in dem Glanz und Elend dicht beieinander wohnen.

Nie ist es ruhig in Kairo. Hupen, Sirenengeheul und quietschende Reifen, ein ständiges Summen und Brummen erfüllt die Luft. Unzählige Autos, Busse, Lastwagen und Motorräder durchkreisen die Stadt Tag und Nacht über Brücken, durch Tunnel, auf Ring- und Hochstraßen. Zwei U-Bahn-Linien queren die Stadt, eine dritte Strecke ist im Bau.

Auf bis zu fünf Ebenen wird die ungeheuerliche Verkehrsflut durch die Hauptstadt geleitet, manche Hochstraßen sind bis zu 30 Kilometer lang und reichen von einem zum anderen Ende der Metropole. Trotzdem steht der Verkehr in den Stoßzeiten am Morgen und am Nachmittag bis zu sechsspurig Stoßstange an Stoßstange. Passagiere in klapprigen Bussen lehnen müde aus Fenstern und Türen oder machen ein Nickerchen, den Kopf an den Nachbarn oder auf die vordere Sitzlehne gestützt. Motorräder schlängeln sich im Zickzack durch die Blechlawine, Pferdegespanne und Fahrräder kreuzen nicht selten die Straßen, um sich lange Umwege zu ersparen. Und als wollten sie sich über die genervten Autofahrer lustig machen, klingen die Glocken vergnügt am bunten Geschirr der ausgemergelten Pferde. Derweil balancieren Radfahrer große Tabletts mit frisch gebackenem Brot oder einen Zeitungsstapel auf dem Kopf.

Immer pulsiert das Leben in Kairo, im opulenten Luxus von Heliopolis, beim gediegenen Bildungsbürgertum auf der ruhigen Nilinsel Zamalik oder in Mohandessin mit dem großen Salam-Krankenhaus und unzähligen Praxen, ausländischen Firmen- und Fluglinien-Vertretungen. Dort, wo die Ausländer, ob Touristen oder Gastarbeiter, die zahlreichen Museen, Kaufhäuser oder Cafés besuchen, wahren Zebrastreifen, Ampeln und Polizei den Eindruck westlicher Straßenverkehrsordnung. Abseits der bekannten und öffentlichen Plätze aber hocken die Menschen am Gehsteig und auf Treppen, verkaufen Gürtel und Feuerzeuge, Blumen und Kräuter, Brillen und Zeitungen oder sitzen einfach nur erschöpft da, überwältigt von der tosenden Metropole.

»Wir leben hier im Kriegszustand«, versucht der ägyptische Journalist Hani Shukrallah seine Heimat zu erläutern. »Das können Sie täglich auf den Straßen hier in Kairo erleben, jeder ist des anderen Feind, jeder versucht zu überleben.«

20 Millionen Menschen soll es in der ägyptischen Hauptstadt geben, meint Shukrallah. »16 Millionen leben und arbeiten hier, die anderen vier Millionen kommen morgens aus den Randgebieten auf der Suche nach Arbeit.« 20 Millionen sind etwa ein Viertel der ägyptischen Gesamtbevölkerung, deren Zahl mit 84 Millionen angegeben wird.

Die Müllsammler vom Mokattam-Berg

Fast die Hälfte von ihnen, 41 Prozent, ist nach dem jüngsten UN-Entwicklungsbericht bettelarm, Unterernährung ist ein ernsthaftes Problem. Die Minibusse, die diese Habenichtse am frühen Morgen aus den Slumgürteln ins Zentrum bringen, werden inzwischen von Polizei und Sicherheitskräften kontrolliert. Wer keinen Arbeitsplatz nachweisen kann, wird postwendend zurückgeschickt – und versucht, auf einem anderen Weg auf die Märkte und Straßen Kairos zu gelangen, um sich als Tagelöhner zu verdingen.

Der Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen gibt an, dass der Index für die Menschliche Entwicklung in Ägypten in den vergangenen 20 Jahren um jährlich 1,5 Prozent gestiegen ist, womit Ägypten heute auf Platz 101 von 169 Ländern liege. Der Index bewertet Bildung, Einkommen und Gesundheit als wesentliche Faktoren für die Lebensqualität der Einwohner eines Landes.

Im arabischen Maßstab liegt Ägypten demnach oberhalb des Durchschnitts, was jedoch weniger auf gute Lebensqualität in Ägypten hindeutet als vielmehr auf eine schlechtere in vielen anderen arabischen Staaten. Mit seiner in puncto Wasserversorgung nahezu totalen Abhängigkeit vom Nil gehört Ägypten zu den Staaten in der Region, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

Als am 6. September 2008 mehr als 100 Bewohner des Slumviertels Al-Duwayqah unter einem Erdrutsch am Kairoer Hausberg Mokattam begraben wurden, riegelten die offiziellen Stellen das Gebiet ab und verhängten eine Nachrichtensperre. Die Betroffenen seien vor der Gefahr gewarnt worden, hieß es, sie hätten ihre Häuser aber nicht verlassen und seien daher selber schuld. Nachbarn gaben an, zwar aufgefordert worden zu sein zu gehen, doch habe niemand ihnen eine alternative Wohnmöglichkeit angeboten, so dass sie nicht gewusst hätten, wohin sie gehen sollten. Erst nach der Katastrophe und Protesten wurde den meisten der Überlebenden ein neues Wohngebiet zugewiesen.

Unterhalb des Mokattam-Berges leben heute rund 60 000 Menschen im und vom gesammelten Müll der ägyptischen Hauptstadt. Die überwiegende Mehrheit der Zabalin, wie die Müllsammler genannt werden, sind Kopten, deren Vorfahren in den 40er Jahren vom oberen Nil in die Hauptstadt kamen. Sie sammeln und verwerten rund 40 Prozent des Kairoer Mülls und können ihn zu fast 85 Prozent recyceln.

Vor zwei Jahren ließ die Regierung – angeblich wegen der »Schweinegrippe« – die Schweine der Zabalin, die ihnen stets »gute Partner« waren, wie der Arzt Atif Farih sagt, der seit 18 Jahren in dem Slum kostenlose Gesundheitsberatung anbietet, töten. Die Schweine vertilgten den organischen Müll der Hauptstadt und boten für die christliche Bevölkerung billiges Fleisch und ein zusätzliches Einkommen. Heute arbeiten viele der Zabalin in Bildungs- und Recycling-Projekten, die von Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen aufgebaut wurden. Der wohl bekannteste Gönner der Müllmenschen von Kairo ist Nagib Sawiris, Inhaber der Mobiltelefonfirma Orascom, selber Kopte und einer der reichsten Männer Ägyptens.

Die Zahl der Slumbewohner in und um Kairo wird auf elf Millionen geschätzt, die in rund 1000 übervölkerten informellen Siedlungen leben. Es gibt kaum Strom und Wasser, es fehlt an Schulen und Krankenhäusern, es sei denn, religiöse Stiftungen oder ausländische Hilfsorganisationen haben sich der Menschen angenommen.

Ein staatliches Krankenhaus fehlt auch in Al-Sayeda Aisha, einem Armenviertel, das sich zwischen der Zitadelle und dem Mausoleum des Imams Shafei befindet, der 840 das Zeitliche segnete und als einer der Gründer der sunnitischen Glaubensschule gilt. Auf dem kleinen Marktplatz von Imam al-Shafei, wie die Gegend von ihren Anwohnern genannt wird, ist das Tagesgespräch. Said Mohamed Abdul Mohamed debattiert mit seinem Onkel und Freunden über die hohen Kosten, die die Privatisierung des bisher staatlichen Krankenhauses für die Bevölkerung bedeutet.

Said Mohamed lebt in der dritten Generation in diesem Viertel und arbeitet als »Wächter« im Auftrag der Nationalen Demokratischen Partei (NDP), der Partei von Präsident Hosni Mubarak. Die Leute seien zwar arm, Strom und Wasser fehle den meisten, doch die Gegend sei ruhig und sicher, versichert Said Mohamed. Ob die NDP-Abgeordneten wirklich, wie versprochen, das Krankenhaus wieder verstaatlichen und damit billiger machen würden? Die Wahl gewonnen haben sie, ob die Klinik aber wieder vom Staat übernommen wird, bleibt abzuwarten.

Grabstätte mit Satellitenschüssel

Die Gegend ist auch als »Stadt der Toten« bekannt, denn um das Mausoleum erstreckt sich ein großer Friedhof, auf dem eine unbekannte Zahl von Menschen »Tür an Tür« mit ihren toten Angehörigen lebt.

Hier wird es schlagartig ruhig, wenn man in die schmalen Sandwege einbiegt, die entlang der hohen Mauern verlaufen, die die Grabstätten umgeben. Neben den Eingängen sind Tafeln mit den Namen der Verstorbenen angebracht, manche Türen haben neben einer Hausnummer eine Glühbirne über dem Eingang oder gar eine Satellitenschüssel – ein deutliches Zeichen, dass hier neben den Toten auch Lebende weilen.

Selten ist eine Tür geöffnet und gibt den Blick frei in die ärmliche, dunkle Wohnstätte, in der Frauen und Kinder um ein Feuer sitzen, Hühner und Hunde den Sand des Innenhofs bevölkern, Wäsche zum Trocknen aufgehängt ist. Sie sei vor 40 Jahren mit ihrem Mann hierher gekommen, erzählt eine Frau mit einem strahlend blauen Hejab (Kopftuch) und lächelt verlegen in die Kamera. Seit ihr Mann gestorben ist, lebe sie neben seiner Grabstätte, wohin sonst hätte sie gehen sollen?

Sie müsse allein für ihre fünf Kinder sorgen, erklärt die Frau, die sich als Nawaf vorstellt, und bittet um Geld. Schnell umschließt ihre Hand die 10 000-Pfund-Note (etwa 1,30 Euro) und nickt dankend. Das Geld reicht etwa für fünf Gläser Tee, den ihre Nachbarin Hanim Um al-Tarik, die Mutter von Tarik, nebenan in einem einfachen Bretterverschlag verkauft.

* Aus: Neues Deutschland, 27. Dezember 2010


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