Neue Herren auf altem Kurs

In Ägyptens Staatsmedien hat sich seit dem Sturz Mubaraks wenig geändert

Von Cam McGrath (IPS) *

In den ägyptischen Staatsmedien hatte der »arabische Frühling« nur ein kurzes Gastspiel. Auch ein Wechsel in den Führungsetagen habe sie nicht von ihrer Obrigkeitshörigkeit abbringen können, kritisieren unabhängige Journalisten und Wissenschaftler. »Alles, was sie können, ist ihr Lobgesang auf die jeweilige Obrigkeit, sei es nun Mubarak oder der derzeit regierende Oberste Militärrat SCAF«, erklärte etwa Rascha Abdulla, die Dozentin für Journalistik und Massenkommunika­tion an der Amerikanischen Universität in Kairo ist.

Die Journalistin Shahira Amin, eine erfahrene Moderatorin und stellvertretende Direktorin des englischsprachigen »Nile TV«, dessen Studios in Kairo in Hörweite des Tahrir-Platzes liegen, berichtete gegenüber der Nachrichtenagentur IPS über ihre Erfahrungen. »Anfangs durften wir nur über Demonstrationen der Mubarak-Anhänger berichten. Später versuchten die Staatsmedien, die Menschen mit Verschwörungstheorien gegen die Demonstranten aufzuwiegeln.« Iranische oder israelische Agenten oder die Hamas hätten die Revolution angezettelt, hieß es damals. Erst ein Besuch bei den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz habe ihr vor Augen geführt, welches Lügennetz ihr Sender verbreitete. »Ich sah, daß es sich um eine Volksbewegung handelte, mit Familien, jungen und alten Menschen, Reichen und Armen.«

Als dann am 2. Februar Mubaraks Schlägertrupps auf Kamelen und Pferden auf dem Tahrir-Platz anrückten und ausländische Satellitenkanäle in Live-Übertragungen zeigten, wie sie mit Stöcken und Schwertern auf unbewaffnete Demonstranten einschlugen, weigerten sich die ägyptischen Fernsehkanäle, diese Bilder auszustrahlen. »Mein Nachrichtenredakteur erklärte mir, es gebe strikte Anweisungen, diese Ereignisse nicht zu diskutieren«, erinnerte sich Amin. Einen Tag später warf die Journalistin ihren Job hin und beteiligte sich an den Protesten.

Erst als Mubaraks Sturz absehbar war, schwenkte die Berichterstattung der Medien um. Hatten sie bislang die Demonstranten als »Störenfriede« und »ausländische Agenten« beschimpft, so war plötzlich von der patriotischen Jugend die Rede, die nach längst überfälligen Reformen rief. Ägyptens Übergangsregierung veranlaßte dann in den Staatsmedien einige Veränderungen. Sie löste das für die Medienkontrolle zuständige Informationsministerium auf und wechselte das Führungspersonal der staatsnahen Tageszeitungen sowie der Rundfunk- und Fernsehsender aus. In der Hoffnung, in Zukunft unabhängig arbeiten zu können, kehrte Amin daraufhin wieder zu »Nile TV« zurück. Heute ist sie enttäuscht und bezeichnet die Veränderungen als reine Kosmetik. Die neuen Chefredakteure und Sendeleiter seien Veteranen der alten Propagandamaschinerie. »Sie haben Mubarak gegen das Militär eingetauscht«, sagte die Journalistin. Im Juli wurde erneut ein Informationsministerium geschaffen. Zudem besteht die Militärregierung neuerdings darauf, daß sämtliche Berichte, die sich mit ihr befassen, vorab genehmigt werden müssen. Journalisten und Blogger, die sich nicht daran halten, werden schikaniert oder verhaftet.

* Aus: junge Welt, 11. August 2011


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