Das Erlebnis gleich zu sein

Ägyptens Frauen beteiligten sich aktiv an der Revolution – jetzt tragen sie den Geist des Tahrir-Platzes in alle Teile des Landes

Von Karin Leukefeld, Damaskus *

»Sie rissen an meinen Haaren, schlugen mich auf den Rücken, meine Beine und ins Gesicht. Dann zerrten sie mich zu dem Kleinbus.« Lina El-Wardani beschreibt ihre Festnahme am 27. Januar 2011 in Kairo. Die Reporterin der Ahram Online Zeitung war unterwegs, um über die Demonstrationen zu berichten, die zwei Tage vorher begonnen hatten. Es war der zweite Tag und Hunderte marschierten zum Tahrir-Platz, dem Platz der Befreiung, während sie »Das Volk fordert den Rücktritt des Regimes« skandierten. Der Kleinbus fuhr stundenlang mit den Gefangenen durch dunkle Nebenstraßen, während die Polizisten sie beleidigten und bedrohten. »Wir werden es euch zeigen, ihr Bastarde.« Stunden und viele bedrohliche Momente später wurden sie freigelassen. Es sollte noch 16 Tage dauern, bis das Regime Mubarak gestürzt und der erste Schritt zu einer revolutionären Umwälzung in dem Land am Nil getan war. Ein Schritt, der seitdem die arabische Welt erschüttert.

Frauen haben in den 18 Tagen der ägyptischen Revolution eine hervorragende Rolle gespielt. Von Anfang an waren sie bei den Protesten dabei und ließen sich weder durch Drohungen noch durch Gewalt einschüchtern. Junge und alte Frauen waren präsent. Nelly und ihre Freundin Ragah, beide im »fortgeschrittenen Großmutteralter«, wie sie sagten, kamen vom ersten Tag an auf den Tahrir-Platz, wo sie auf ihren Klappstühlen ausharrten, weil die Beine sie nicht mehr so trugen wie einst. Die 54-jährige Maria und ihre 19–jährige Tochter Marwa wollten sich selber ein Bild machen, jenseits der staatlichen Propaganda. »Frauen sind frei, soweit man in Ägypten überhaupt frei sein kann«, meinte Maria. Das koptische Kirchenrecht enge Frauen mehr ein als die islamische Scharia und das Stadt-Land-Gefälle sei sehr groß. Zudem spiele die soziale Situation, ob man reich oder arm sei, eine Rolle, ob Frauen ihre Rechte zugestanden würden, sagte die aus Deutschland stammende Frau. Sie hatte ihr Kopftuch eng gebunden, während die Tochter ihrer Lockenpracht freien Lauf ließ. Lange habe die Familie in einer Kleinstadt gelebt, erzählte Maria. Dort seien Frauen in ihrer Entwicklung eingeschränkter als in der Millionenmetropole Kairo.

Alter spielte auf dem Tahrir- Platz ebenso wenig eine Rolle wie die Kleiderordnung, nach der man in Europa meine, einordnen zu können, ob eine Araberin emanzipiert ist oder nicht. »Wir fordern eine demokratische Verfassung«, stand auf den Schildern, die Frauen in die Luft hielten. »Ägypten an das Militär: Ihr müsst Euch entscheiden, entweder für das ägyptische Volk oder für das Regime Mubarak«, war auf anderen zu lesen. Und einen Tag, nachdem gekaufte Schläger und Kriminelle die Demonstranten auf dem Tahrir- Platz brutal angegriffen und mehr als ein Dutzend von ihnen getötet hatten, darunter auch eine junge Frau, standen zwei andere junge Ägypterinnen auf dem Platz, bereit zu sterben, wenn das Regime nicht abtrete.

Frauen waren in die Organisation der Proteste eingebunden. Sie kontrollierten Ausweise und Taschen, sprachen mit Medienvertretern, versorgten Kranke und Verletzte, verteilten Brot und Wasser, sammelten den Müll ein oder sorgten dafür, dass Videos und Fotos von den Protesten ins Internet gestellt wurden. Wenn man mit etwas beginne, gebe es auch wieder Hoffnung, begründete die 26-jährige Asmaa Mahfouz ihre Anwesenheit auf dem Tahrir-Platz. Die Freundschaft, der Respekt gegenüber Frauen, die Erfahrung, gleichberechtigt und aufgehoben zu sein, blieben für sie unvergessen. »Wir haben Höhen und Tiefen miteinander durchlebt«, sagt Mona Seif, eine andere Aktivistin. »Es war, als wären wir eine andere Gesellschaft geworden, als gäbe es ein Ägypten auf dem Tahrir-Platz und ein anderes Ägypten außerhalb.«

Ob das neue politische und soziale Modell der Demokratie in Ägypten Bestand haben wird? »Ägypten hat sich verändert«, sagt Mona Seif und zeigt sich entschlossen, »den Geist des Tahrir-Platzes in alle Teile des Landes zu tragen.« Früher hätte man Frauen, die sich über Belästigung beklagten, ignoriert oder selber für ihre Notlage verantwortlich gemacht. »Ab jetzt werde ich um Hilfe schreien, wenn mir etwas zustößt. Und ich bin mir sicher, dass ich Leute finden werde, die mir helfen.« Und Maria und ihre Tochter Marwa schreiben per Email nach dem Abgang von Mubarak: »Wir sind hellwach in dieser spannenden Zeit, und freuen uns ein Teil des ›Neuen Ägyptens‹ zu sein.«

* Aus: Neues Deutschland, 8. März 2011


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