Ägypter entziehen dem Militärrat das Vertrauen

Zehntausende Demonstranten auf Kairos Tahrir-Platz *

In der ägyptischen Hauptstadt Kairo haben am Dienstag erneut Zehntausende Menschen gegen den regierenden Obersten Militärrat des Landes demonstriert. Sie kamen am Nachmittag auf dem Tahrir-Platz zu einer Kundgebung zusammen, um die Bildung einer von der gesamten Nation unterstützten Regierung zu fordern. In den Stunden vor der Kundgebung strömten riesige Menschenmassen auf den symbolträchtigen Tahrir-Platz. Er war zu Beginn des Jahres das Zentrum der Massenproteste gegen den im Februar gestürzten Staatschef Husni Mubarak gewesen. Der Militärrat hatte nach dem Sturz Mubaraks die Macht in Ägypten übernommen. Ab Montag soll ein Parlament gewählt werden. neues deutschland - neues design

Die gemäßigt islamistisch auftretenden Muslimbrüder wollten nach eigenen Angaben nicht an der Demonstration auf dem Tahrir-Platz teilnehmen. Stattdessen würden sie sich an dem vom Militärrat angesetzten Dialog beteiligen, erklärten sie. Eine Verschiebung der Parlamentswahl wegen der Gewalt der vergangenen Tage lehnten die Muslimbrüder ab.

Die Regierung in Kairo hatte angesichts der Gewalt am Montag beim Militärrat ihren Rücktritt eingereicht. Dieser lehnte den Schritt zunächst ab, wie das Fernsehen unter Berufung auf eine Quelle in der Armee berichtete. Am Dienstagabend gab das Gremium jedoch in Kairo bekannt, den Rücktritt der Regierung zu akzeptieren.

An deren Spitze könnte der frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohamed El-Baradei, stehen. Nach Angaben aus ägyptischen Armeekreisen erwog der Militärrat, ihn zum neuen Regierungschef zu ernennen. Die Personalie sei mit den Parteien diskutiert worden, sagte ein Gesprächsteilnehmer gegenüber AFP. Demnach stand auch der frühere Muslimbruder Abdel Monem Abul Fotuh für das Amt zur Debatte.

* Aus: neues deutschland, 23. November 2011


Banger Blick nach Kairo

Von Roland Etzel **

Mit bangem Blick schauen US-Amerikaner und Westeuropäer nach Kairo. Wieder wissen sie nicht, wie sie sich öffentlich verhalten sollen. Eigentlich ist ihnen die Militärjunta als Erbin Mubaraks und damit Sachwalterin des strategischen Einflusses in der Region bisher ganz recht gewesen. Stützen sie aber weiter die offenbar zunehmend verhasste Generalsherrschaft und diese wird am Ende doch gestürzt, fürchten sie, bei den Nachfolgern ganz schlechte Karten zu haben.

Soweit waren Obama, Merkel und Co. schon im Februar. Damals redeten sie mit Engelszungen auf Ägyptens Herrscher ein, sich doch bitte ohne viel Geräusch aus dem Staub zu machen, dann sei die Chance groß, dass politisch und bereicherungstechnisch für die üblichen Verdächtigen - ihn eingeschlossen - alles beim Alten bleiben könne. Und fast alle an dieser Machtkungelei Beteiligten - bis auf Mubarak, der dem nur widerwillig folgen mochte - waren froh, als man dessen Feldmarschall Tantawi dem Volke als Sachwalter seiner Rebellion überhalf.

Doch die Gesichtslosigkeit der Militärjunta wird von den Ägyptern immer weniger als Unbescholtenheit missverstanden, zu viel Blut floss bereits wieder. Die Karte »Volksgeneral« ist schon gespielt. Gibt es Alternativen? Hillary Clinton findet neuerdings die Muslimbrüder gar nicht so schlimm. Zwar meinte sie die in Tunesien, die die Wahl schon gewonnen haben. Aber warum nicht auch die in Ägypten?

** Aus: neues deutschland, 23. November 2011 (Kommentar)


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