"Beschäftigte haben große Rolle gespielt"

In Ägypten könnte sich die Spaltung zwischen Mittelschichtjugend und subalternen Klassen weiter vertiefen. Ein Gespräch mit Amy Austin-Holmes *


Dr. Amy Austin-Holmes ist Soziologin und arbeitet an der Amerikanischen Universität in Kairo.

Wie haben Sie die Tage des Umsturzes in Ägypten erlebt?

Der entscheidende Tag war eigentlich der 28. Januar. An diesem Freitag haben die Menschen den Tahrir-Platz erobert. Ab da an blieb der Platz permanent besetzt. Es war absolut beeindruckend. Nach den Angriffen auf die Demonstranten wurden in den Moscheen ad hoc Kliniken eingerichtet. Das war alles spontan organisiert. Ebenso spontan entstanden milizartige Nachbarschaftsgruppen. Plötzlich waren Dinge möglich, die man sich zuvor nicht hätte vorstellen können.

Gab es nicht zumindest Vorläufer der Bewegung?

Seit der zweiten palästinensischen Intifada im Jahr 2000 gab es in Ägypten mehrere Protestwellen und Streikbewegungen. Von besonderer Bedeutung waren die Arbeitsniederlegungen der Textilarbeiter von Mahalla ab 2006. Insofern kam die Revolution nicht aus dem Nichts. Dennoch haben die Geschehnisse, vor allem am 28. Januar, alle überrascht.

In den hiesigen Medien werden die Ereignisse zumeist als über Internet und Facebook organisierte Jugendproteste gesehen. Welche Rolle haben die Beschäftigten gespielt?

Diese Behauptung, daß allein die technisch versierte Mittelschichtjugend mit friedlichen Mitteln, mit Facebook und Twitter, das Regime zu Fall gebracht hätte, ist Unsinn. Streiks haben eine entscheidende Rolle gespielt. Wenn die Angestellten des Suez-Kanals, die Fabrikarbeiter, die Ärzte, Lehrer, Busfahrer und andere die Arbeit niederlegen, dann geht irgendwann nichts mehr. Auch die Aktivitäten der Beschäftigten des informellen Sektors – die nicht streiken können, weil sie gar keine regulären Jobs haben – waren bedeutend. Sie haben die Menschen auf dem Tahrir-Platz mit Nahrung, Wasser, Decken und anderem versorgt. Ohne ihren Beitrag hätte die Revolution nicht am Leben gehalten werden können. Denn die Geschäfte um den Platz herum waren allesamt geschlossen, zum Teil auf staatliche Anweisung, zum Teil weil die Besitzer Angst vor Plünderungen hatten.

Welche Rolle hat der staatliche Gewerkschaftsverband gespielt?

Die Ägyptische Gewerkschaftsföderation hat versucht, Streiks und die Gründung unabhängiger Gewerkschaften zu verhindern. Im Ergebnis der unter repressiven Bedingungen abgelaufenen Wahlen von 2006 waren fast alle ihre leitenden Funktionäre Mitglieder der Staatspartei NDP. Diese Organisation ist also voll unter Kontrolle der alten Elite. Deshalb ist der Aufbau unabhängiger Gewerkschaften so wichtig.

Wie stark sind die neu entstandenen Beschäftigtenorganisationen?

Vor der Revolution gab es drei unabhängige Gewerkschaften. Die erste mit 40000 Mitgliedern wurde 2007 von den Steuereintreibern gegründet, hinzu kamen Organisationen von Medizintechnikern, Lehrern und Rentnern. Inzwischen gibt es etwa 50 unabhängige Gewerkschaften. Die genauen Mitgliedszahlen sind unklar, es sind jedenfalls nicht mehr als ein paar hunderttausend. Der staatliche Verband hat auf dem Papier 3,8 Millionen Mitglieder und versucht, das weitere Erstarken der unabhängigen Gewerkschaften zu verhindern.

Das Militär hat im März ein Gesetz beschlossen, das Streiks und alle Demonstrationen, die die Wirtschaft gefährden könnten, für illegal erklärt. Trotzdem finden weiterhin Arbeitsniederlegungen statt, auch wenn ihre Zahl aufgrund der Gesetzeslage und der Medienpropaganda zurückgegangen ist. Die Situation in Ägypten ist sehr angespannt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die meinen, jetzt müßten alle wieder zur Arbeit gehen und dürften selbst am Wochenende nicht demonstrieren, um die Wirtschaft nicht zu gefährden. Andere haben aufgrund ihrer sozialen Situation gar keine andere Wahl, als für eine Verbesserung ihrer Lebensqualität zu streiken oder zu demonstrieren. Diese Spaltung zwischen der Mittelschichtjugend und den subalternen Klassen könnte sich in nächster Zeit verschärfen.

Wie ist die Linke aufgestellt?

Die Demonstrationen am 27. Mai – an denen sich insgesamt bestimmt eine Million Menschen beteiligten – haben gezeigt, daß die Linke eine mobilisierungsfähige soziale Kraft ist. Muslimbruderschaft und liberale Parteien hatten nicht zu dem Protest aufgerufen. Auf institutioneller Ebene ist die Linke aber in viele kleine Gruppen gespalten. Ob sie es bis zu den Wahlen im September schaffen, gemeinsam anzutreten, ist eine offene Frage.

Interview: Daniel Behruzi

* Aus: junge Welt, 14. Juni 2011


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