Klare: Angeschlagenes Imperium USA bleibt gefährlich, 16.11.2006 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Washington bleibt höchst gefährlich

Der US-Politologe Michael T. Klare über ein angeschlagenes Imperium *


ND: Es heißt, die USA seien durch den Irak-Krieg so sehr gebunden, dass Angriffe gegen andere »Schurkenstaaten« ausgeschlossen sind. Ist das auch Ihre Sicht?

Michael T. Klare: Fast alle Beobachter der amerikanischen Militärpolitik sind in der Tat der Auffassung, dass die Kapazitäten des Pentagon »überspannt« seien. Das Verteidigungsministerium rate deshalb bis auf weiteres davon ab, über Irak hinaus militärisch aktiv zu werden. Es wird zur Zeit auch oft behauptet, in der Washingtoner Außenpolitik habe sich so etwas wie ein »neuer Realismus« breitgemacht, der die Neokonservativen auf eine Spielwiese verdammt, Leuten wie Außenministerin Condoleezza Rice zu neuer Macht verholfen und damit Militärschläge gegen Iran oder Nordkorea unmöglich gemacht habe. Diese Meinung teile ich nicht: Die USA verhielten sich vor der Irak-Invasion wie ein Imperium, das kurz vor seinem Höhepunkt hastige und schlecht durchdachte Entscheidungen trifft, und könnten sich jetzt, wo es seinen Höhepunkt überschritten hat, genauso unlogisch verhalten. Hilfreich ist ein Vergleich mit England und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich diese Imperien sinnlosen und selbstzerstörerischen Abenteuern hingaben. Dasselbe könnten die USA versuchen. Imperien im Niedergang beziehungsweise ihre Entscheidungsträger sind mit größter Vorsicht zu genießen.

Was geht in diesem Fall in den Köpfen der Eliten vor sich?

Ein untergehendes Imperium kann für seine Eliten eine recht schmerzhafte Angelegenheit sein. Eine Elite, die daran gewöhnt ist, dass ihr die eigenen Bürger und weniger mächtige Staaten mit Unterwürfigkeit begegnen, hat keine Erfahrung damit, wenn ihr auf einmal Gleichgültigkeit oder Verachtung entgegenschlagen. Außerdem haben imperiale Eliten über Jahrzehnte hinweg die Haltung verinnerlicht, ihre Untergebenen auf nationaler und internationaler Ebene seien minderwertig – eine Haltung, die so tief sitzt, dass sie kaum zu überwinden ist.
Daraus entstehen zweierlei Krankheiten: Die Eliten werden überempfindlich, was ihre ehemaligen Untergebenen angeht, und empfinden ein »Nein« oder ein »Ja, vielleicht« als grobe persönliche Beleidigung. Zweitens entwickelt sich eine Art Größenwahn. Die Eliten überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten, die eigene militärische Vormachtstellung, und unterschätzen die Fähigkeiten anderer – was oft ein tödlicher Irrtum sein kann. Aus beiden Faktoren ergibt sich auch die Bereitschaft, ganz schnell »zurückzuschlagen«.

Sie halten also einen Angriff auf Iran durchaus weiter für möglich?

Was sich 1956 während der so genannten Suezkanal-Krise abspielte, könnte strukturell auch heute passieren. Auf die Verstaatlichung des Suezkanals durch Nasser und die Enteignung einer britisch-französischen Firma fielen die untergehenden Imperien in Ägypten ein und mussten später schwer gedemütigt wieder abziehen. Im heutigen Fall ist es der frühere Untergebene Teheran, der der Washingtoner Supermacht eine Nase dreht. Unbenommen der Tatsache, dass die Verstaatlichung des Kanals von damals und das atomare Streben Irans zwei Paar Schuhe sind, gibt es Gemeinsamkeiten im Vorgehen der Eliten. Auch heute heißt es bislang: keine Verhandlungen. Stattdessen drohte man damit, eine »Lektion zu erteilen«.

Vor dem Hintergrund der Suche nach einer neuen Strategie in Irak: Inwiefern überschätzt sich die größte Militärstreitmacht aller Zeiten?

Die US-amerikanischen Bodentruppen in Irak sind tatsächlich »überdehnt«, die massiven Luft- und Marinekapazitäten aber sind unterbeschäftigt. Sie könnten in Iran zum Einsatz kommen.
Meiner Ansicht nach glauben die Führungen der Luftstreitkräfte und der Marine weiter daran, dass man Iran allein schon mit Lufttangriffen schweren Schaden zufügen könnte, ohne sich selbst der Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen aussetzen zu müssen.

* Michael T. Klare ist Professor für internationale Politik und Friedensforschung mit Lehraufträgen an mehreren Ostküsten-Universitäten in den USA. Seit Mitte der 70er Jahre beschäftigt er sich wissenschaftlich und journalistisch mit der Washingtoner Verteidigungspolitik, Waffenhandel und internationaler Sicherheit. Klare ist unter anderem Militärexperte der linken Wochenzeitschrift "The Nation". Mit ihm sprach in New York Max Böhnel.

Aus: Neues Deutschland, 15. November 2006


Letzte Veröffentlichung von Michael Klare auf unserer Website:
Öl, Geopolitik und der kommende Krieg gegen den Iran


Zurück zur Seite "Neue Weltordnung"

Zur USA-Seite

Zurück zur Homepage