Bärbel Schindler-Saefkow und Xanthe Hall zu Hiroshima, 06.08.2010 (Friedensratschlag)
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Frieden durch Glockengeläut?

Bärbel Schindler-Saefkow über das Gedenken an die Opfer von Hiroshima

Im Berliner Volkspark Friedrichshain gibt es seit 1989 einen japanischen Pavillon mit einer Friedensglocke. Sie haben damals den ersten Glockenschlag getätigt. Wie kam es dazu?

Zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges hat die World Peace Bell Association, die japanische Friedensglockengesellschaft, zwei identische Glocken für Warschau und Berlin gestiftet. Die Vizepräsidentin dieser Gesellschaft hat mit mir dann am 1. September 1989, dem Tag des Überfalls auf Polen, dieses Friedenssymbol mit einem Schlegel ertönen lassen.

Was macht diese Glocke zum Symbol des Friedens?

Dem Glockenguss sind Münzen aus 103 Ländern beigemischt, die in aller Welt gesammelt worden sind, auch in der DDR und BRD. Damit soll Völkerverbundenheit symbolisiert werden. Die Idee stammt von einem Überlebenden des Atombombenabwurfes auf Hiroshima. Die erste Glocke dieser Art ist 1954 auf dem Gelände der UNO in New York eingeweiht worden. Es gibt sechs solcher Glocken in Japan sowie weitere in 15 anderen Ländern.

Ist der Deutsche Friedensrat noch in Kontakt mit der World Peace Bell Association?

Ja, wir sind sozusagen eine Außenstelle dieser international agierenden japanischen Organisation und halten den Kontakt zu gesellschaftlichen Kräften mit gleichem Anliegen in Deutschland aufrecht. Glocken können den Frieden nur ein-, aber nicht herbeiläuten. Leider nicht. Als wir zum 60. Jahrestag der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki in Tokio waren und mit der World Peace Bell Association die weitere Zusammenarbeit vereinbart haben, bekundete deren Präsident große Sorge über die neuen Kriege in der Welt und sagte auch, er wisse sehr wohl, dass Glocken allein Frieden nicht sichern können.

Dazu bedarf es ...?

Unserer Meinung nach bedarf es dazu verstärkten Engagements aller Friedenswilligen, des zivilen Protestes der Bürger gegen immer neue verheerende Waffen und Militäreinsätze, die Konflikte nicht beseitigen, sondern verschärfen. Wichtig ist die weitere Vernetzung von Friedensaktionen und - initiativen, national und international. Der Deutsche Friedensrat ist Mitglied verschiedener Bündnisse, darunter des Weltfriedensrates, und arbeitet mit den Organisatoren der alljährlich stattfindenden internationalen Kongresse gegen Atom- und Wasserstoffbomben zusammen. Wir sind in Verbindung mit den tapferen Aktivisten auf Okinawa, die sich mit gewaltfreien Mitteln gegen US-amerikanische Stützpunkte auf ihrer Insel zur Wehr setzen. Und wir unterstützen die Bewegung Bürgermeister für den Frieden, die 1982 von den Stadtvätern von Hiroshima und Nagasaki ins Leben gerufen wurde und der auch Berlin angehört.

Wird es in Berlin ein spezielles Gedenken zum 65. Jahrestag des Abwurfes der ersten Atombombe auf Hiroshima geben?

Deutschlandweit gibt es dies. Heute ist die Nacht der 100 000 Kerzen, die nach japanischer Sitte an verschiedenen Orten angezündet werden. In Berlin lädt ein Bündnis aus Vertretern des Stadtbezirks Friedrichhain-Kreuzberg und diverser Friedensinitiativen ein, morgen, am 6. August, an der Weltfriedensglocke im Friedrichshain zu erinnern und zu mahnen. Das Gedenken dort beginnt 16 Uhr mit japanischer Trommelmusik und erlebt seinen Höhepunkt im nun schon traditionellen Glockengeläut. Zudem findet von Freitag bis Sonntag auf dem Berliner Alexanderplatz ein Friedensfestival statt.

Fragen: Karlen Vesper

* Aus: Neues Deutschland, 5. August 2010


"Die Angst vor der Bombe lässt nach" **

Es dauerte nur Sekunden, bis die Atombombe über Hiroschima ihre tödliche Wirkung voll entfaltet hatte. 80.000 Menschen starben sofort. 65 Jahre danach lassen die abschreckenden Erinnerungen an die erste Bombe nach. Das bringe neue Risiken, sagt Xanthe Hall von der Organisation Ärzte gegen Atomkrieg im Gespräch mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Am 6. August 1945 wurde die Atombombe über Hiroschima abgeworfen. Welche Spätfolgen spüren die Menschen in der Region heute noch?

Xanthe Hall: Die nukleare Strahlung hat damals Hunderttausende Menschen getroffen. 65 Jahre später sind nicht mehr viele von ihnen am Leben. Es gibt allerdings Spätfolgen, wie genetische Schäden, die über Generationen weitergegeben worden sind. Allerdings können wir die Spätfolgen nicht genauer angeben. Deren Untersuchung begann erst 1950 und die Wissenschaft machte Fehler in der Epidemiologie. Zum Beispiel wurden genetische Veränderungen nicht ausreichend erfasst. Außerdem wussten die Forscher damals nicht genug über niedrige atomare Strahlung. Deshalb sind die Daten über Spätfolgen aus heutiger Sicht nicht mehr verlässlich.

tagesschau.de: Halten Sie es für möglich, dass noch einmal eine Atombombe zum Einsatz kommt oder ist die abschreckende Wirkung von Hiroschima zu groß?

Hall: Während der Atomkrise zwischen Indien und Pakistan im Jahr 2002 habe ich mal versucht, einem Journalisten klar zu machen, welche Schäden eine Atombombe tatsächlich anrichtet. Die Opfer werden verbrannt, sie erleiden schwere Verletzungen und die Strahlung bringt Tausenden den Tod, sagte ich dem Journalisten. Ganze Landstriche sind über Jahre nicht mehr bewohnbar. Das sind grausame Folgen für die Menschen, die unmittelbar betroffen sind. Der Journalist war entsetzt. Er konnte nicht glauben, dass so was passieren könnte.

Offenbar herrscht bei vielen eine trügerische Vorstellung über Atombomben. Die Angst vor dieser Vernichtungswaffe lässt eindeutig nach. Heute wissen besonders junge Menschen nicht mehr genug darüber. Sie denken, es handle sich um eine herkömmliche Bombe, nur eben größer. Ihnen ist nicht mehr bewusst, was für eine Verwüstung eine Atombombe anrichten kann. Je mehr die abschreckende Erinnerung an die Schäden in Hiroschima nachlässt, desto stärker sinkt die Hemmung vor dem Einsatz nuklearer Waffen.

tagesschau.de: Denken die verantwortlichen Politiker denn auch so?

Hall: Manchmal wird überlegt kleinere Atomwaffen zu bauen, um weniger Strahlung und Todesopfer zu verursachen. Ein fataler Umweg, um doch Atomwaffen einzusetzen. Das ist sehr gefährlich, wenn man anfängt dieses Tabu abzubauen, das wir über Jahrzehnte hatten. Im kalten Krieg bestand die Abschreckungswirkung aus dem Gedanken: Man kann Nuklearwaffen nicht wirklich einsetzen. Das speiste sich aus den Erinnerungen an die Bombenabwürfe über Hiroschima und Nagasaki.

Heutzutage ist die Logik völlig anders. Die zwei gegnerischen Blöcke der Welt, Ost und West, sind aufgebrochen. Kleinere Staaten denken jetzt, sie könnten Größere mit einer Atombombe abschrecken. So tut es Nordkorea beispielsweise. Sie glauben, sie können sich nur gegenüber den mächtigen USA verteidigen, indem sie Atomwaffen bauen. Hinzu kommen nichtstaatliche Akteure, wie Terrorgruppen. Das steigert die Bedrohung durch Atomwaffen.

tagesschau.de: Wo in der Welt sehen Sie derzeit die größte Gefahr durch Atomwaffen?

Hall: In der Region Pakistan herrscht sehr viel Unruhe, sowohl mit dem Nachbarn Indien als auch mit den Taliban. Es ist unsicher, was mit den Atomwaffen passiert. Deshalb schauen viele genau hin, wie es um die Atombomben steht. Ich habe jedoch mehr Angst vor dem Nahen Osten. Insbesondere weil Israel keine Auskünfte über seine Atomwaffen gibt. Ich führe das auf die große Angst vor dem Iran zurück. Insgesamt ist diese Region ein wesentlicher Unruheherd neben Pakistan.

tagesschau.de: Wie gefährlich ist denn der Iran?

Hall: Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube, Sie wollen vor allem suggerieren, dass sie Atomwaffen bauen können. Damit wollen sie mehr rausholen in den Verhandlungen, die sie führen. Ich schätze Iran nicht als aggressiv ein. Die Gefahr beim Iran besteht eher in einer Art Paranoia, die seit langem aufgebaut wurde. Das hat viel mit dem Selbstverständnis des Landes zu tun. Das iranische Regime muss nach innen demonstrieren: Wir sind unnachgiebig, wir sind handlungsfähig. Sie regieren sehr autoritär und deswegen zeigen sie keine Schwäche, schon gar nicht nach außen. Deshalb setzen sie auch auf Atomwaffen mit ihrer Zerstörungskraft.

tagesschau.de: Besteht eine Chance, dass Atomwaffen in naher Zukunft abgeschafft werden?

Hall: Diese Tendenz sehe ich durchaus. US-Präsident Obama setzt sich für die Abrüstung von Atomwaffen ein. Außerdem wird deren Abschaffung in der Politik insgesamt wieder mehr thematisiert. Die Vorstellung einer Welt ohne Atomwaffen setzt sich allmählich durch. Das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen. Inzwischen verfolgen viele dieses Ziel. Entwarnung würde ich noch nicht geben, aber ich habe sehr große Hoffnung, dass es klappen könnte.

Das Interview führte Jan Starkebaum für tagesschau.de

Xanthe Hall arbeitet für die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Sie ist zuständig für die Themen Atomwaffen, Internationales und Frieden. Seit 30 Jahren engagiert sich Xanthe Hall für die atomare Abrüstung. IPPNW erhielt 1985 den Friedensnobelpreis.

** Aus: Online-Ausgabe der Tagesschau, 6. August 2010; www.tageschau.de



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