Mord im Morgengrauen

Trauer um außergerichtlich hingerichteten Priester auf den Philippinen

Von Rainer Werning *

In Rom und in der südphilippinischen Stadt Kidapawan wurde am gestrigen Dienstag in Trauerfeierlichkeiten des 59jährigen Priesters Fausto Tenorio gedacht, der in der vergangenen Woche erschossen wurde. Die Anteilnahme war ebenso groß wie die Empörung darüber, daß es sich bei dem Toten um das bereits 54. Opfer außergerichtlicher Hinrichtungen seit dem Amtsantritt von Präsident Benigno Aquino III Ende Juni 2010 handelt. Als Täter gelten Mitglieder der staatlichen Sicherheitskräfte oder Angehörige staatlich tolerierter Paramilitärs.

Im Jahre 1978 hatte es den gerade in Italien ordinierten Jungpriester Fausto Tenorio zu seinem ersten Auslandseinsatz in den Süden der Philippinen, auf die Insel Mindanao, verschlagen. Als er dort ankam, pflanzte der Priester, den seine Gemeindemitglieder schnell in ihr Herz schlossen und liebevoll »Father Pops« nannten, mehrere Mahagonibäume. Im Falle seines Todes, hatte er engen Mitarbeitern bereits im Jahre 2005 anvertraut, wünschte er sich seinen Sarg aus dem Holz eben dieser Mahagonibäume geschnitzt.

Daß er nicht einer Krankheit erliegen, sondern eher eines gewaltsamen Todes sterben würde, schien dem Priester bereits seit Anfang Oktober 2003 klar zu sein. Damals war er nur knapp einem Attentatsversuch paramilitärischer Bandenmitglieder entkommen. Doch im Morgengrauen des 17. Oktober gab es für den im Auftrag des Pontifikalen Instituts für Auslandsmissionen (PIME) wirkenden »Father Pops« keine Fluchtmöglichkeit mehr. Mindestens acht tödliche Schüsse hatte der maskierte Mörder aus nächster Entfernung auf den Priester abgefeuert, als dieser sich gerade auf den Weg von seiner Gemeinde im Arakan-Tal zu einem Diözesanentreffen nach Kidapawan City machte.

Der 59jährige Tenorio hatte sich vor allem in den vergangenen Jahren als unerbittlicher Streiter für die Interessen der Lumad, der indigenen Völker in der Region, engagiert. Er war beliebt und stets offen für deren Belange. Gemeinsam mit gleichgesinnten Mitstreitern setzte er sich für den Bau von Schulen, Kindertagesstätten und Gesundheitseinrichtungen ein. Da die Region überaus reich ist an Bodenschätzen, haben die Regierungen im fernen Manila alles daran gesetzt, dorthin ausländische Investoren zu locken und ihnen lukrative Geschäfte im Bergbau und Agrobusiness einzuräumen. Diese Politik erfolgte auf Kosten der Manobos und anderer Indigenen, die den Verlust ihres angestammten Landes befürchten und in »Father Pops« einen verläßlichen Verbündeten hatten. Sehr zum Verdruß ausländischer Minengesellschaften, die im Kulaman-Tal Nickel, Kobalt und Chrom abbauen. Vor Ort arbeitende Nichtregierungsorganisationen sprechen in diesem Zusammenhang von »Entwicklungsaggression«. Denn den Minengesellschaften folgen stets »zum Schutz« abkommandierte Regierungstruppen oder von der Regierung tolerierte Paramilitärs. Eine Praxis, die der PIME-Priester in den vergangenen Monaten wiederholt heftig attackiert und sich so den Zorn von Einheiten des 73. Infanteriebataillons der philippinischen Armee zugezogen hatte.

Wenngleich der Mörder Tentorios entkommen konnte und Untersuchungen im Gange sind, ist die Zivilgesellschaft Mindanaos davon überzeugt, daß der Mord im Rahmen des von Manila praktizierten Aufstandsbekämpfungskonzepts »Oplan Bayanihan« (Opera­tionsplan Nachbarschaftshilfe) geschah. Im Visier dieses Plans stehen in erster Linie fortschrittliche und linke Aktivisten, die der Regierung ein Dorn im Auge sind. Tentorio ist bereits das 54. Opfer (und der erste katholische Priester) außergerichtlicher Hinrichtungen während der Amtszeit von Präsident Benigno Aquino III. Bis dato sind die Täter allesamt auf freien Fuß. Schließlich ist Fausto Tentorio das dritte Opfer seiner italienischen Glaubensgemeinschaft. Bereits am 15. April 1985 und am 20. März 1992 waren die PIME-Priester Tullio Favali und Salvador Carzedda von Paramilitärs auf offener Straße mit Pistolenschüssen niedergestreckt worden.

* Aus: junge Welt, 26. Oktober 2011


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