Die Totenstille am Grenzübergang

Die täglichen Dramen für Palästinenser, die nach Palästina wollen

Von Martin Lejeune *

»Als Besatzer musst du vorsichtig sein bei jeder Bewegung, wie ein Dieb, der vom Verfolgungswahn beherrscht ist.«
Wadi Soudah (palästinensischer Dichter)

Die Totenstille am Grenzübergang Erez fällt auf. Nicht einmal Raketen oder Granaten zischen über die hohen Mauern um den Gazastreifen, seitdem am 19. Juni, sechs Uhr früh, ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Hamas und dem israelischen Militär in Kraft getreten ist. Die Palästinenser sind gezwungen, sich auf die tahdiya (wörtlich: Beruhigung) einzulassen, weil die israelische Regierung das kleine »Emirat« am Mittelmeer seit Mitte letzten Jahres in Beschlag nimmt. Weder Personen, noch Güter, noch Kapital dürfen zu den geschätzten anderthalb Millionen Menschen ins Getto, dessen Länge und Breite sich im Auto in 35 respektive zehn Minuten durchmessen lassen. Die Waffenruhe soll das Embargo auflockern für bestimmte Lieferungen wie Medikamente, Lebensmittel und Rohstoffe.

Problemlose Einreise nur für Diplomaten

Die Totenstille am Grenzübergang Erez lässt keine Hölle hinter den Abfertigungshallen vermuten. Doch auch hier spielen sich Dramen ab. Das Fluchen eines Mannes stört die Mittagsruhe der Soldaten. Seit zwei Tagen nun schon wird Khalid hier aufgehalten. Die Hitze sei unerträglich für die Kinder, weist der Vater einen Grenzbeamten zurecht. Vier Mädchen im Vorschulalter und jünger harren der verschlossenen Schranke unter der Sonne. Sie sehen müde aus. Auch Khalid wirkt blass. Dennoch schildert er mit zorniger Stimme seine Lage: »Wir sind aus Heidelberg. Seit Tagen sind wir unterwegs. Meine Mutter ist todkrank. Ich will noch einmal ihre Hände küssen. Die Kinder sollen ihre Oma kennen lernen.«

Die Totenstille am Grenzübergang Erez ist geduldig: Nichts passiert. Denn nicht immer wird jeder beim Grenzübertritt von den Soldaten gewährt. Nur Diplomaten und festangestellte Korrespondenten hochrenommierter Massenmedien dürfen je nach Stimmung und Laune passieren. Voraussetzung ist die erfolgreiche Genehmigung eines Wochen zuvor eingereichten Ersuchens. »Journalisten macht der israelische Staat den Grenzübertritt nach Gaza so schwierig wie möglich«, beobachtet David Poort, der Korrespondent des niederländischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Freie Reporter und Fotografen werden von dat grundsätzlich aufgehalten.

Sheran Goldhammer, die für Gaza zuständige Sachbearbeiterin beim Pressebüro der israelischen Regierung, spielt abgelehnte Anträge herunter. Es gebe so viel anderes, lohnenderes, in ihrem Land zu besuchen. Und drückt dem enttäuschten Sucher nach Fakten ein Paket Tourismusprospekte mit Hochglanzbildern vom Dattelmarkt in Nazareth in die Hand.

Als Khalid, der noch immer hartnäckig an der Grenze ausharrende Palästinenser deutscher Staatsangehörigkeit, gefragt wird, ob er eine Genehmigung beantragt habe, entgegnet er: »Ich bin in Gaza geboren. Meine Mutter lebt hier. Mein Haus steht hier. Was soll ich beantragen?« In seinen Händen hält der Gestrandete Urkunden des Standes- und des Grundbuchamtes zu Gaza, die seine Behauptungen belegen. Wie lange die Familie aus der Stadt am unteren Neckar noch gegen die Grenzmauern anrennt, weiß nur die Stille am Grenzübergang Erez. Weder fehlende Mühe noch Kraft kann den Heidelbergern vorgeworfen werden.

Fünf Autominuten von diesem Familiendrama entfernt, bieten die Gärten der Ortschaft Yad Mordechai einen Vorgeschmack auf das Paradies. Dort lebt in einem Wohnwagen Uri mit seiner Familie. »Ich glaube an unsere Rettung durch Gott«, verkündet der von Soldaten mit Gewalt aus Gaza vertriebene Siedler. »Meine Frau ist in Gaza geboren, und dort wird sie auch sterben«, ist sich der Optimist gewiss. »Wir kehren zurück, sobald Gott uns erlöst.« Bis dahin muss die Familie von Uri die Tage im Wohnwagen zählen. Dies sei die Strafe Gottes für die korrupten Politiker an der Spitze des Staates Israel, weiß Uri und hofft auf die kommenden Wahlen.

Genug Wasser - für die Schwimmbäder

Selbst eine Frau zu wählen, wie die Außenministerin Zipi Livni, die für den Posten der Premierministerin kandidieren will, ist für den Vertriebenen kein Hindernis, sofern diese weniger korrupt sei als ihre Gegenkandidaten. Dass Livni, wie die »Times« berichtet hat, für den Geheimdienst Mossad in Athen war und als Studentin getarnt palästinensische Freiheitskämpfer liquidierte, mit ihren eigenen Händen, das stört Uri weniger. Hauptsache, Gott werde durch die Wahl einer guten Premierministerin beschwichtigt.

Die Palästinenser, die in Samaria leben, sehen die Ursache für ihre verzweifelte Lage nicht in Gottes Willen, sondern in der Logik ihrer Besetzer. In Ramallah gibt es nur alle drei Tage für ein paar Stunden Wasser. Das neben Ramallah angelegte Dorf jüdischer Siedler wird von den Palästinensern jedoch rund um die Uhr mit Wasser und Strom versorgt. »Das frische Wasser für die Schwimmbäder der Siedler reichte für die Versorgung ganz Ramallahs«, berichtet Ghazi Hanania, Mediziner und stellvertretender Sprecher des palästinensischen Parlaments in Ramallah. Doch ist das fehlende Wasser nur ein Problem von vielen. »Von Fleisch können viele Palästinenser nur träumen«, kommentiert Dr. Hanania den Fleischpreis von umgerechnet elf Euro pro Kilo. Etwa 300 Euro beträgt hier ein guter Monatsverdienst derer, die Arbeit haben.

Auf der Westbank, dem palästinensischen Autonomiegebiet, beträgt die Arbeitslosigkeit zwischen 30 und 50 %, an der Küste, in Gaza, sogar bis zu 65 %. Dort stehen nach Erhebungen des unabhängigen »Volkskomitees gegen den Boykott« 95 % aller Fabriken und Werkstätten, das sind etwa 3750 Betriebe mit rund 33 500 Angestellten, still. Zement und alle anderen Rohmaterialien fehlen als Folge der Blockade und lassen in Fertigungsbetrieben und Werkstätten die Arbeit ruhen. Auch im Norden Samarias (in Israel werden der Süden und der Norden der Westbank gewöhnlich mit den alttestamentarischen Namen Judäa und Samaria bezeichnet) ist die Arbeitslosigkeit hoch. Mohammed, der am Bodensee Maschinenbau studierte und eigentlich mit seiner Familie in Nablus lebt, arbeitet seit Jahren in einer Eisdiele in Ramallah als Kassierer.

Der stille Schmerz des jungen Brautpaares

Auch in einem Dorf Judäas, in Beit Sahour, gibt es kein Wasser, obwohl das benachbarte Beit Lekhem über die größten Wasservorkommen in der Region verfügt. Ein Militärgesetz verbietet den Palästinensern den Zugang zu den Reserven. Dafür dürfen jetzt die Siedler bei Beit Jalla jeden Tag ihre Gärten mit Wasser aus der Leitung pflegen. Ein junger Mann aus Bielefeld, der gerade in dem Dorf seiner Eltern eine Palästinenserin geheiratet hat, bekommt als deutscher Staatsbürger von den israelischen Behörden keine Aufenthaltsgenehmigung und muss bald wieder ausreisen.

Doch das ist nicht der einzige stille Schmerz des jungen Brautpaares: Ein Hochzeitsgast, sein Onkel, ein Bauingenieur, der seit vierzig Jahren in Deutschland lebt, eine deutsche Frau hat und seit Jahrzehnten die deutsche Staatsbürgerschaft, wird beim Versuch, nach Israel einzureisen, am Flughafen Ben Gurion mit Gewalt von seiner Frau getrennt, zehn Stunden lang verhört und dann in Abschiebehaft gesteckt. Am nächsten Morgen wurde er ohne seine Frau mit dem ersten Flug nach Wien abgeschoben.

»Glücklich ist, wer nur fünf Stunden bei der Einreise verhört wird«, fällt Ghazi Hanania, dem Parlamentssprecher und Klinikdirektor zu diesem Fall nur ein. Staatsangehörige aller Länder dieser Welt, die, oder deren Vorfahren, einmal in Palästina lebten, bekommen massive Probleme nicht nur bei der Ein- und Ausreise sowie bei der Beantragung eines Aufenthaltes, sondern auch bei Fahrten zwischen den einzelnen Enklaven in Judäa und Samaria, die von Soldaten mit aufwendigen Grenzanlagen befestigt sind.

Palästinenser, die nur einen palästinensischen Ausweis haben, dürfen ohne Sondergenehmigung überhaupt nicht zwischen den Enklaven pendeln. Sie sind hinter den Betonmauern ihres Ortes eingesperrt. Palästinensern israelischer Staatsangehörigkeit wiederum ist es gesetzlich verboten, die Grenzen zu einem palästinensischen Ort zu passieren. Große rote Verbotstafeln auf Hebräisch, Arabisch und Englisch weisen an jedem Kontrollpunkt, der durch die Mauern führt, auf das Verbot hin. Und ein Dutzend junger Soldaten achtet bei der Passkontrolle auf die Einhaltung des Gesetzes.

Folge dieser Verhältnisse sind getrennte Ehepaare und Familien, deren Angehörige aus unterschiedlichsten Zwängen verschiedene Ausweispapiere haben. Für den Arzt und Politiker Hanania steckt dahinter eine genau durchdachte Logik der Besetzer: »Die Palästinenser sollen durch diese Gesetze mürbe gemacht werden, so dass die hier gebliebenen auswandern und die ausgewanderten nicht mehr zurückkommen wollen.«

* Aus: Neues Deutschland, 21. August 2008


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