Kolumbien: Noch einmal vier Jahre Uribe wären eine Katastrophe

Regierung praktiziert eine Diktatur der Oligarchie - Interview mit dem Bauernaktivisten Humberto Londońo

Allein über Ostern sind in Kolumbien mindestens 30 Menschen, darunter auch eine Landarbeiterfamilie, getötet worden. Die fünf Familienmitglieder wurden nach Militärangaben versehentlich von Soldaten erschossen, die sie mit Rebellen verwechselt hätten. Staatschef Uribe will die Guerilla militärisch besiegen, Humberto Londońo kämpft für die entrechteten Campesinos seiner Heimat. Mit dem 35-jährigen Bauernaktivisten, der nach Morddrohungen bis Juni 2004 Aufnahme in Deutschland gefunden hat, sprach in Hamburg René Gralla.
Wir dokumentieren das Interview, das am 13. April 2004 im "Neuen Deutschland" erschien.



ND: Sie stammen aus der Provinz Antioquia, wo Präsident Álvaro Uribe bis 1997 als Gouverneur regiert hat. Was halten Sie von seinen jüngsten Ambitionen, die Verfassung zu ändern, um eine zweite Amtszeit anzustreben?

Londońo: Noch einmal vier Jahre Uribe, die wären eine Katastrophe! Die Lebensumstände der meisten Kolumbianer würden sich nicht verbessern, um es vorsichtig auszudrücken. Profitieren würde nur jene soziale Klasse, die Uribe repräsentiert: Das ist die Hochbourgeoisie, und Uribe ist der Impresario dieser Klasse. Dabei gilt Kolumbien als die älteste Demokratie in Lateinamerika – aber mit Álvaro Uribe ist dort faktisch eine Diktatur der Oligarchie errichtet worden.

Eine »Diktatur der Oligarchie«? Nach der Sprachregelung von Álvaro Uribe heißt dessen Programm aber ganz anders: nämlich »Politik der demokratischen Sicherheit«.

Genau. Und die sieht in der Realität so aus: Fast alle oppositionellen Gruppen sind ausgeschaltet worden – entweder mit Hilfe der Justiz oder durch physische Vernichtung.

Was das konkret bedeutet, das haben Sie selber persönlich erfahren.

Ich musste mein Heimatdorf Heliconia verlassen, weil ich bedroht wurde. Ich hatte es gewagt, den damaligen Provinzgouverneur zu kritisieren. Das war 1995, und der Mann hieß Álvaro Uribe. Im selben Jahr wurde mein Kampfgenosse Fernando Lombana von der Polizei erschossen. An meiner Seite, während eines Streiks der Kaffeebauern.

Und jetzt wohnen Sie für ein Jahr ein Deutschland, als Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Weil Ihr Name auf Todeslisten der rechten Paramilitärs steht.

Ja. Mit dem Amtsantritt von Uribe geht die Paramilitarisierung unserer Gesellschaft ungebremst weiter. Inzwischen gibt es Regionen, wo die Grundrechte vollständig außer Kraft gesetzt worden sind und wo anstelle ziviler Bürgermeister die Militärs kommandieren. Außerdem sind im Dezember 2003 besondere Antiterrorgesetze verabschiedet worden. Künftig dürfen die Streitkräfte Verdächtige festnehmen, Wohnungen durchsuchen und Telefone abhören, ohne zuvor eine richterliche Genehmigung einholen zu müssen.

Wie kann sich unter derart repressiven Bedingungen denn überhaupt noch zivilgesellschaftlicher Widerstand organisieren?

Leider muss man zugeben: Die demokratische Opposition hat in Kolumbien bisher wenig erreicht. Zwar haben Gewerkschaften oder lokale Organisationen immer wieder versucht, alternative Modelle zum gegenwärtigen System zu entwickeln: zu einem System, wo eine Minderheit die breite Mehrheit der Bevölkerung dominiert. Aber die Gegner, aus den Reihen der Konservativen und der so genannten Liberalen, die haben nie daran gedacht, sich mit Reformvorschlägen ernsthaft auseinanderzusetzen. Sie haben nur daran gedacht, die Opposition zu eliminieren – buchstäblich.

Seit fast 40 Jahren tobt ein Guerillakrieg in Kolumbien. Getragen von zwei Rebellengruppen: dem kleineren Nationalen Befreiungsheer (ELN) und den deutlich stärkeren Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC). Die Letztgenannten können schätzungsweise 12.000 Partisanen aufbieten. In der internationalen Öffentlichkeit herrscht freilich der Eindruck vor, dass es sich bei den Aufständischen eher um eine Narco-Guerilla handelt. Verfolgen ELN und FARC überhaupt politische Ziele?

Ich denke ja. Die kolumbianische Guerilla hat auch heute noch Ideale: Sie kämpft dafür, die ungerechten sozialen Strukturen zu verändern. Das Problem ist bloß: Die Guerilla befindet sich in einem Krieg, den sie ohne internationale Unterstützung führen muss …

… und deswegen finanzieren sich die Rebellen mit Drogenhandel?

Das heißt aber noch lange nicht, dass es sich bei ELN oder FARC um eine Narco-Guerilla handelt. Das wichtigste Produkt, das die Bauern in Kolumbien produzieren, das ist nun mal die Koka. Also zieht die Guerilla in den Gebieten, die sie kontrolliert, die entsprechenden Abgaben ein. Andererseits wird in den Anbaugebieten für Kaffee eben dann der Kaffee mit Abgaben belegt – aber niemand käme doch wohl auf die Idee, deswegen die Rebellen auf einmal Cafeteros zu nennen!

Abgesehen von den Drogengeschäften verlegt sich die Guerilla aber auch noch auf Entführungen, um Geld einzutreiben.

Das allerdings ist eine Politik der Guerilla, die ich furchtbar finde.

Selbst wenn man ELN oder FARC politische Ziele unterstellen wollte: Indem die Guerilla nicht einmal vor Entführungen zurückschreckt, verrät sie damit nicht all ihre angeblichen Ideale?

Ganz klar, das ist kontraproduktiv.

Sehen ELN oder FARC denn nicht, welches PR-Desaster sie anrichten?

Das kümmert sie wenig, vermute ich. Für die Guerilla hat absolute Priorität allein, dass sie sich die notwendigen Mittel verschafft, um ihre Sache zu verteidigen.

Sogar die Abgeordnete Ingrid Betancourt ist von den FARC entführt worden. Dabei hat doch die ehemalige Präsidentschaftskandidatin unerschrocken die Korruption bekämpft.

Diese Politik der Guerilla verstehe ich auch nicht. Aber aus Sicht der FARC ist wohl selbst die Entführung einer Ingrid Betancourt kein besonderer Fall. Die Rebellen entführen Gouverneure und Abgeordnete als Repräsentanten eines Gesellschaftssystems, das sie stürzen wollen. Nach dieser Logik gehört auch eine Ingrid Betancourt zur verhassten Oligarchie. Ich betone noch einmal: In vielen Punkten stimme ich mit den FARC nicht überein.

Ein medienträchtiger Fall wie dieser macht es den USA und der EU leicht, die FARC als Terrororganisation zu brandmarken. Mit der Konsequenz, dass sich Uribe in jenen Krieg gegen den Terror einreihen kann, den Bush ausgerufen hat.

Ja. Uribe darf sich als Verbündeter der Nordamerikaner fühlen. Er hat es geschafft, sich an den Terrorismus-Diskurs anzuhängen und alle oppositionellen Gruppen als Terroristen zu denunzieren. Kolumbiens Regierung schreckt nicht einmal davor zurück, soziale Organisationen in die Nähe des Terrorismus zu rücken.

Wenn schon die legale Opposition unter Terrorismusverdacht steht: Erklärt das die Hartnäckigkeit von Widerstandsbewegungen wie den FARC, am bewaffneten Kampf um fast jeden Preis festzuhalten?

Gerade die FARC haben erfahren, wie riskant es für sie sein kann, die Waffen niederzulegen und den Dialog zu suchen. Denken Sie an das Scheitern des Friedensprozesses mit Uribes Vorgänger Andrés Pastrana: Erst räumte Pastrana den FARC für die Dauer der Verhandlungen eine autonome Zone ein, dann brach er die Gespräche im Frühjahr 2002 ab und ließ die Armee in das FARC-Gebiet einmarschieren. Nicht vergessen sind auch die blutigen Ereignisse vor zwei Jahrzehnten. Damals haben die FARC schon einmal die Verständigung mit einer Regierung in Bogotá gesucht. Die Guerilla beteiligte sich sogar an der Gründung der Unión Patriotica (UP); die sollte zum politischen Arm der Bewegung werden. Viele Rebellen kamen aus den Bergen nach Hause, weil sie glaubten, im Rahmen des parlamentarischen Systems für Veränderungen streiten zu können. Ein Irrtum, den sie teuer bezahlt haben: Das Militär startete einen Ausrottungsfeldzug gegen die Opposition. Mindestens 3000 UP-Mitglieder wurden ermordet, darunter zwei Präsidentschaftskandidaten sowie fast alle UP-Bürgermeister, Stadträte und Parlamentarier. Insgesamt schlachteten Todesschwadronen bis Mitte der 90er Jahre ungefähr 25000 Anhänger der Linken und andere fortschrittliche Persönlichkeiten ab.

Dieses Massaker an der Opposition hat sogar die Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten dazu veranlasst, den kolumbianischen Staat wegen politischen Völkermordes anzuklagen. Vor dem Hintergrund dieses Traumas: Was bedeutet die fortdauernde Existenz einer Guerilla für Ihr politisches Engagement im Kolumbien von heute? Macht die Guerilla Ihre Arbeit gefährlicher? Oder ist die Tatsache, dass es noch immer ELN und FARC gibt, im Gegenteil ein Druckmittel: So dass die Regierung am Ende ihren Kurs ändern und der Opposition entgegenkommen muss?

Die Guerillaorganisationen sind ein Symbol dafür, dass die Gesellschaft noch nicht völlig gleichgeschaltet ist. Der militärische Druck, den ELN und FARC ausüben, eröffnet der legalen Opposition die Chance, dass sich Regierung und führende Vertreter der Oligarchie mit den Reformkräften an einen Tisch setzen.

Also setzen auch Sie, Herr Londońo, trotz der erwähnten Erfahrungen aus der Vergangenheit auf eine Verhandlungslösung, um den Bürgerkrieg endlich zu beenden? Aber Präsident Álvaro Uribe weigert sich doch bisher kategorisch, mit den FARC zu reden.

Mit der Regierung Uribe gibt es tatsächlich keine Hoffnung auf Frieden.

Demnach muss Álvaro Uribe erst abgewählt werden?

Ja.

Neuerdings hat Kolumbiens Präsident einen weiteren Unterstützer. Während seines Deutschlandbesuches wurde er von Bundeskanzler Gerhard Schröder gelobt: für seine Bemühungen im Kampf gegen den Terrorismus.

Ich hatte gehofft, dass die Bundesregierung kritischer mit Uribe umgeht. Schließlich führt der ein Regime, das praktisch Schluss macht mit Freiheit und Demokratie. Aber die deutsche Sozialdemokratie ändert sich gegenwärtig total – indem sie nach rechts rückt. So dass sie die wenigen Möglichkeiten aufgibt, die den Völkern noch bleiben, um für ein Leben in Würde zu kämpfen.

Aus: Neues Deutschland, 13. April 2004


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