Komplizen im Terror

Empörung Washingtons über "mangelnde Demokratie" in Ägypten vorgetäuscht. USA haben mit Kairoer Unrechtsregime immer eng kooperiert

Von Alexander Bahar *

Es ist ein offenes Geheimnis, daß die USA unter den Regierungen William (»Bill«) Clintons und George W. Bushs beim Outsourcing von Folter und dem »Verschwindenlassen« von Terrorverdächtigen eng mit den ägyptischen Sicherheitskräften kooperierten. Aber auch die amtierende US-Regierung unter Präsident Barack Obama pflegte zum Regime in Kairo einen von taktischem Kalkül bestimmten Umgang. Dabei spielten die viel bemühten Menschenrechte allenfalls eine marginale Rolle.

Ende Januar veröffentlichte die Enthüllungsplattform Wikileaks Dutzende diplomatischer Depeschen, die deutlich machen, daß Washington seit langem über den kriminellen Charakter des Mubarak-Regimes und seine brutalen Praktiken, eingeschlossen extralegale Tötungen, bestens unterrichtet ist. Die Dokumente enthüllen auch, daß den USA Pläne für eine vom ägyptischen Militär überwachte Machtübergabe von Präsident Hosni Mubarak an seinen Sohn Gamal vorgelegt wurden.

Die Dokumente, Depeschen der US-Botschaft in Kairo aus den Jahren 2009 und 2010, zeigen auf: Die Obama-Regierung wußte, daß sich das Mubarak-Regime mittels Terror gegenüber der Zivilbevölkerung an der Macht hielt. Dennoch unterstützte Washington das Regime aus taktischen Gründen, gilt Ägypten doch als die wichtigste Säule der US-Strategie im Großraum, der vom Mittleren Osten über den Maghreb bis zum Horn von Afrika reicht.

Eines der verräterischsten Dokumente ist eine Depesche von Botschafterin Margaret Scobey vom Januar 2009 [wikileaks.ch/cable/2009/01/09CAIRO79.html]. Das Schreiben nennt die Polizeibrutalität in Ägypten »gewohnheitsmäßig und beherrschend« und konstatiert, daß »der polizeiliche Einsatz von Gewalt, um Geständnisse von Kriminellen zu erzwingen, zum Alltag gehört«. Informanten aus der Botschaft »schätzen, daß es buchstäblich Hunderte von Folteropfern pro Tag allein in den Polizeistationen Kairos gibt«.

Auch politische Gegner des Regimes würden Opfer dieses zügellosen, mutmaßlich kriminellen Vorgehens, führt die Depesche weiter aus. Ein Aktivist, Teilnehmer der von der Botschaft als »Facebook-Streik vom 6. April« 2008 bezeichneten Aktion, wurde am 29. November 2008 gefangengenommen. Die ägyptische Regierung »foltert ihn wohl, um andere ›6. April‹-Mitglieder einzuschüchtern, damit sie ihre politischen Aktivitäten aufgeben«, fügt der Bericht an. Die Depesche bezieht sich auch auf »die sexuelle Belästigung eines weiblichen ›6. April‹-Aktivisten«. Scobey berichtete außerdem, daß ein anderer Blogger sagte, die Sicherheitskräfte hätten erst aufgehört, ihn zu foltern, »als er zu kooperieren begann«. Dasselbe Schreiben geht auch ein auf »Dauerbefehle des Innenministers zwischen 2000 und 2006 an die Polizei, auf Richter zu schießen, sie zu schlagen und zu demütigen, um die Unabhängigkeit der Justiz zu unterminieren«.

Eine Depesche der Botschaft in Kairo vom 12. Januar 2009 straft die Behauptung der Obama-Regierung Lügen, das Mubarak-Regime sei keine Diktatur. Die Information bezieht sich auf die pseudolegale Grundlage der Regierung, die seit Jahrzehnten mit Sonderverordnungen herrscht. »Der ägyptische Ausnahmezustand, der praktisch seit 1967 gilt, erlaubt die Anwendung des Notstandsgesetzes von 1958«, welches der ägyptischen Regierung »breite Vollmachten einräumt, Personen ohne Anklage festzunehmen und für unbegrenzte Zeit wegzusperren«. Außerdem ist zu lesen: Das Regime habe »das Notstandsgesetz in zwei aktuellen Fällen auch dazu benutzt, gegen Blogger und demonstrierende Arbeiter vorzugehen«.

»Das Notstandsgesetz«, so die Depesche weiter, »schafft staatliche Sicherheitsgerichte, gegen deren Urteile keine Berufung möglich ist, und nur der Präsident kann sie abändern.« Außerdem werden dem Präsidenten Vollmachten eingeräumt, das Recht auf Versammlungsfreiheit zu beschränken. Insbesondere kriminalisiert das Strafgesetzbuch die Versammlung von fünf oder mehr Personen, welche »die öffentliche Ordnung gefährden« könnten.“

Auch mit der »Erbfolge« nach dem Tod von Mubarak senior scheinen sich die US-Diplomaten intensiv beschäftigt zu haben. Eine Kabelnachricht vom 30. Juli 2009 trägt die Überschrift »Das Militär wird die Übertragung der Macht gewährleisten«. Die Depesche enthüllt, daß das US-Außenministerium völlig auf die Fähigkeit der ägyptischen Armee vertraute, Mubaraks Sohn Gamal geräuschlos zum Nachfolger des Präsidenten zu machen.

Alexander Bahar, Folter im 21. Jahrhundert. Auf dem Weg in ein neues Mittelalter? Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009, 300 S., 16,90 Euro

* Aus: junge Welt, 11. Februar 2011


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